REA: Wenn die Anwendung zur Spezifikation wird

Wie KI-Agenten bestehende Software untersuchen, Funktionen nachbauen und dabei besser zwischen Wissen und Vermutung unterscheiden. Veröffentlicht am 14. Oktober 2026

«Software ist gelöst.» Das klingt gut auf YouTube. Die spannendere Geschichte hinter REA ist konkreter: KI-Agenten bekommen Werkzeuge, um bestehende Anwendungen zu untersuchen und ihre Erkenntnisse mit Belegen zu verbinden.

REA steht für Reverse Engineer Anything. Das Projekt verbindet Coding-Agenten mit Werkzeugen für die Analyse von Anwendungen, kompilierten Programmen und Laufzeitverhalten. Der Agent kann damit nachvollziehen, wie eine Funktion arbeitet, und eine eigene Umsetzung entwickeln.

Das verschiebt den Ausgangspunkt. Statt jedes Detail einer gewünschten Funktion zu beschreiben, zeigst du dem Agenten eine Anwendung und stellst eine konkrete Frage: Wie funktioniert diese Suche? Was passiert beim Kopieren? Nach welcher Regel wird dieser Wert berechnet?

Die vorhandene Software liefert Anschauungsmaterial und überprüfbare Anhaltspunkte. Daraus kann eine präzisere Spezifikation entstehen. Genau hier wird REA interessant.

Die Oberfläche beobachten

Ein Agent sieht Screenshots, klickt sich durch Abläufe und baut sichtbares Verhalten nach. Das kann für ein Layout oder eine Interaktion bereits ausreichen.

Die Umsetzung untersuchen

REA erschliesst zusätzlich verpackten JavaScript-Code, Metadaten, Aufrufbeziehungen oder dekompilierte Routinen. Damit bekommt der Agent Hinweise auf die Logik hinter der Oberfläche.

Das Ergebnis überprüfen

Eine ähnliche Oberfläche beweist noch keine gleiche Funktion. Erst Vergleiche mit dem Original zeigen, welche Regeln und Ergebnisse die neue Umsetzung tatsächlich reproduziert.

Reverse Engineering gibt es seit Jahrzehnten. Auch Analysewerkzeuge wie Ghidra, Hopper und IDA sind etabliert. REA macht sie für Agenten über eine gemeinsame Schnittstelle nutzbar und verbindet sie mit strukturierten Untersuchungsabläufen.

Mich interessiert daran vor allem der Umgang mit Gewissheit. REA unterscheidet in seinen Ergebnissen zwischen Beobachtungen, abgeleiteten Erkenntnissen und Annahmen. Belege behalten ihre Herkunft, ihre Grenzen und Verbindungen zu anderen Befunden.

Das hilft gegen einen vertrauten Fehler: Der Agent findet einen plausiblen Hinweis, formuliert eine überzeugende Erklärung und baut darauf weiter. Mit nachvollziehbaren Belegen und offenen Fragen lässt sich früher erkennen, wo eine Schlussfolgerung noch überprüft werden muss.


Das stärkste Beispiel ist unspektakulär. Beim Spiel DX-Ball wurde eine Funktion rekonstruiert, die aus einer horizontalen Position die Verteilung eines Sounds zwischen links und rechts berechnet. Die veröffentlichte Fallstudie berichtet von 3’205 Vergleichen mit dem ursprünglichen Maschinencode und 63 identischen kompilierten Funktionsbytes.

Hier wurde eine klar abgegrenzte Berechnung untersucht und geprüft. Der Nachbau des spielbaren Gesamtspiels war am dokumentierten Projektstand weiterhin in Arbeit. Gerade diese Grenze macht das Beispiel brauchbar.

Ein zweites Beispiel verfolgt in Notion den Weg eines Kopierbefehls durch die verschiedenen Schichten der Electron-Anwendung bis zur Zwischenablage. Die Fallstudie zeigt, welche Code-Stellen die Verbindung belegen. So wird aus «Kopieren funktioniert irgendwie» ein nachvollziehbarer Ablauf.

Die virale Erzählung springt dagegen schnell vom funktionierenden Ausschnitt zum vollständig ersetzten Produkt. PhotoCraft wird etwa als nachgebautes Photoshop herumgereicht. Das Projekt selbst bezeichnet sich als frühe Alpha und hält ausdrücklich fest, dass es Photoshop für die tägliche professionelle Arbeit noch nicht ersetzt.

Besonders aufschlussreich: PhotoCraft unterscheidet zwischen verbundenen Menübefehlen und tatsächlich übereinstimmendem Verhalten. Ein Menüpunkt kann vorhanden sein, während Tiefe, Kompatibilität oder Qualität der Funktion noch fehlen. Wer Software beurteilt, muss genau dort hinschauen.

Für den praktischen Einsatz würde ich deshalb klein anfangen. Eine bestimmte Funktion liefert eine überprüfbare Aufgabe. «Bau mir diese ganze Anwendung nach» liefert zunächst sehr viel Spielraum.

1. Eine Funktion auswählen

Beschreibe ein Verhalten, das du wirklich brauchst. Zum Beispiel: Wie verändert eine neue Buchung die verfügbare Kapazität im Kalender?

2. Fragen und Prüfkriterien festlegen

Welche Eingaben verändern das Ergebnis? Welche Sonderfälle sind relevant? Halte fest, woran du eine korrekte Umsetzung erkennen wirst.

3. Mit REA untersuchen

Lass den Agenten die passenden Werkzeuge verwenden und seine Erklärung mit Belegen verbinden. Beobachtungen, Annahmen und offene Fragen gehören sichtbar ins Ergebnis.

4. Nachbauen und vergleichen

Übertrage die Erkenntnisse in deinen eigenen Kontext. Prüfe die Umsetzung anhand der festgelegten Fälle und untersuche Abweichungen gezielt.

Auch die Datenfrage bleibt konkret. REA analysiert lokal, aber der Agent erhält die Ergebnisse. Bei einem Cloud-Modell können diese Informationen dessen Anbieter erreichen. Für interne Anwendungen gehört dieser Datenfluss zur Wahl des Setups.

Die Qualität steckt im überprüften Verhalten

REA macht bestehende Software zu einer besseren Wissensquelle für Agenten. Für mich liegt der Wert darin, schneller von einer beobachteten Funktion zu einer belegten Erklärung und einer geprüften Umsetzung zu kommen. Entscheidend bleibt, welche Funktion du auswählst, wie gut sie zu deinem Arbeitsablauf passt und wie sorgfältig du ihr Verhalten überprüfst.